Für alle statt für wenige.


«Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!»

Von SPe, 6.Februar.2020

STANDPUNKT von Michel Rebosura

Ich steige aus dem Zug und sehe pinke Plakate mit dem Slogan „Ja zum Schutz vor Hass!“. Gehe ich weiter durch die Strassen, erblicke ich wehende Fahnen in den Farben des Regenbogens, die an vielen Balkonen hängen. Und scrolle ich zuhause durch meinen Facebook-Feed, entdecke ich, dass viele meiner Freund*innen einen farbigen Filter über ihr Profilbild gelegt haben. Solidarität macht sich breit. Freude. Und Hoffnung.

„Aber“, hört man sagen, „das ist völlig übertrieben!“ und „Unnötig!“. Oder: „Wir in der Schweiz – im 21. Jahrhundert! – haben doch keine Probleme mehr damit“. Denn: „Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich“. Ergo: „Das esch för nüüt“.

Genau hier liegt der entscheidende Unterschied. Nämlich der zwischen Anspruch und Realität. Oder etwas komplizierter ausgedrückt: zwischen formell gültigem Recht (de jure) und materiell verwirklichter Realität (de facto).

Hautnah und in ihrem Innersten erleben diesen Unterschied Menschen, die im selben Bahnhof aussteigen, durch dieselben Strassen gehen und sich auf denselben Sozialen Medien austauschen. Aber dabei eine mal unterschwellige, mal überwältigende Angst verspüren. Die Angst verachtet, beleidigt und entwürdigt, ja, sogar verprügelt zu werden. Und die dabei oft alleine stehen. Gegenüber dem Hass, der sich ausbreitet. Und dies nur, weil sie von manchen als zu „Anderen“ zugehörig gezählt werden. „Andere“, die man stigmatisiert, marginalisiert und exkludiert.

Diese „Angst der Anderen“ ist bereits Ausdruck von Unfreiheit. Und von Ungleichheit und Unsolidarität. Die Abwesenheit dieser Angst wäre hingegen ein Zeichen von Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Aber noch ist diese Abwesenheit ein Privileg mancher – und nicht aller.

Privilegien erkennt man nicht nur daran, dass man systematisch ein Gut hat und andere nicht, sondern auch daran, dass man etwas Ungutes nicht hat und andere schon. Nur ist man sich letzterem aufgrund seiner Abwesenheit nur allzu selten bewusst.

Und dieses Privileg stellt in hohem Masse eine Ungerechtigkeit dar. Betrifft es doch eines der am höchsten geschätzten wie schützenswertesten Güter: die Menschenwürde.

Wie also schaffen wir es, als demokratische Gesellschaft echte Freiheit, Gleichheit und Solidarität im Sinne der Abwesenheit von Angst gegenüber Hass und Gewalt zu realisieren? Mit Selbstermächtigung, Organisation und Allianzen, sicherlich. Und der daraus entspringenden Begegnung, Überzeugung und Aufklärung, ja. Doch leider auch heute noch mit dem Recht, Schutz und Staat. Denn es ist dessen Aufgabe, die Grundrechte der Menschen zu schützen.

Deshalb sage ich: „Ja zum Schutz vor Hass“!

Aber vor allem schaffen wir es nur mit Empathie. Im Englischen gibt es dazu den passenden Ausdruck: Walk In My Shoes. Versucht immer auch „mit den Augen Anderer“ durch die Bahnhöfe, Strassen und Plattformen zu gehen. Vielleicht erkennt ihr euch in der Verletzlichkeit und Ausgesetztheit wieder. Oder vielleicht werdet ihr euch dieses merk-würdigen Gefühls bewusst, dieser Abwesenheit der Angst, dieser ansonsten so selbstverständlich hingenommenen Freiheit von der Angst. Der Ausdruck von Lebensfreude ist.

So etwa, wenn ihr hoffnungsfroh zum Rathaus oder gar zur Urne geht. Da ihr wie ich erst spät die Wahl- und Abstimmungscouverts öffnet.

Doch besser spät als nie! Also: Geht abstimmen!

Für Freiheit, Gleichheit und Solidarität.

Für alle.


Zugabe:

Der Text von Michel Rebosura mit zusätzlichem Argumentarium