Für alle statt für wenige.


Gleichstellung – die SP bleibt dran

Von SPe, 7.März.2019

STANDPUNKT von Nadja Stadelmann Limacher & Matthias Zemp

Vor 50 Jahren am 1. März 1969 fand der „Marsch auf Bern“ statt. Die Demonstrierenden auf dem Bundesplatz forderten die längst überfällige Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen auf Kantons- und Bundesebene. Die Kundgebung wurde von der späteren Zürcher Stadt- und Ständerätin Emilie Lieberherr angeführt. „Frauerächt – Mänscherächt“, rief sie in die Menge auf dem Bundesplatz. Auf der SRF-Website gibt es einen Bericht von damals:

Die Geschichte hat Emilie Lieberherr und den demonstrierenden Frauen Recht gegeben – ohne deren couragiertes Engagement und lautes Protestieren auf der Strasse hätte es mit dem Frauenwahlrecht in der Schweiz wohl noch einiges länger gedauert. Merci Emilie!

Dass unsere Mütter und Grossmütter mit 20 noch nicht abstimmen und wählen durften, das haben wir nie verstanden und als unerhört ungerecht empfunden. Gleichstellung ist uns wichtig. Das Thema ist einer der Hauptgründe, weshalb wir Sozialdemokrat*innen sind.


Wie steht es heute um die Gleichstellung von Frau und Mann?

Wir sind in den letzten 50 Jahren vorangeschritten. Gleichstellungsartikel und -gesetz und ein neues Eherecht wurden gegen den Widerstand der Rechtskonservativen eingeführt, die Mutterschaftsversicherung doch noch umgesetzt, Bildungschancen und -zugang verbessert, Krippenplätze geschaffen. Inzwischen sind sogar mindestens drei Frauen im Bundesrat keine Utopie mehr. Jedoch wurde jede Veränderung von Ängsten und Panikmache begleitet. Der Einsatz für Gleichstellung ist weiterhin notwendig.

Nach wie vor sind Frauen in den Parlamenten und Kantonsregierungen massiv untervertreten. Ebenso in den Firmenleitungen. Auch 2019 verdienen Frauen für gleiche Arbeit durchschnittlich 20% weniger Lohn als Männer. Viele Bäuerinnen arbeiten ohne Lohn auf dem Hof und deshalb fehlt ihnen eine ausreichende soziale Absicherung.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedarf weiter verbessert zu werden mit familienergänzender Betreuungsmöglichkeiten auch auf dem Land, mit Tagesschulen, mit der Reduktion der Wochenarbeitszeit, mit einem Vaterschaftsurlaub, der seinen Namen verdient. Davon profitieren alle.

Erwerbsarbeit und unbezahlte Sorgearbeit müssen zwischen den Geschlechtern gerechter aufgeteilt werden. Noch immer sind es die Frauen, die für die unbezahlte Betreuung von Kindern und anderen Angehörigen gut anderthalbmal so viel Zeit aufbringen wie Männer.
Auch haben die mehrheitlich von Frauen ausgeübten Care-Berufe ein schlechtes Image, kaum eine Lobby und werden zu schlecht entlöhnt. Es ist befremdlich, dass unsere Gesellschaft noch immer denen mehr bezahlt, die unser Geld betreuen als denen, die sich um unsere Kinder oder unsere betagten Eltern kümmern.

Das alles muss sich ändern.

Bei Gewalt gegen Frauen darf nicht weggeschaut werden. Die Gewalt gegen 15- bis 24-jährige Frauen hat im öffentlichen Raum in der Schweiz massiv zugenommen, das besorgt uns.
Es braucht einen radikalen Wandel im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Sie zu verharmlosen und zu billigen ist falsch. Es braucht Aufklärung im Schulunterricht über Grenzüberschreitungen und Missbrauch. Jedes Mädchen, jede Frau und auch jeder Junge, jeder Mann soll wissen: „Mein Körper gehört mir und ich ziehe die Grenze, welche zu respektieren ist“.
Es braucht mehr und bessere Beratungsangebote in Ämtern, bei Behörden und Vereinen sowie ein verbesserter Zugang zur Psychotherapie für Gewaltopfer. Akute Hilfsangebote bei häuslicher Gewalt sind zu stärken, Frauenhäuser müssen gut funktionieren und dürfen nicht permanent überlastet sein.

Aus all den oben genannten Gründen werden wir Frauen UND Männer am 14. Juni 2019 zum Frauenstreik auf die Strassen gehen. Laut und deutlich.
Wie es Emilie Lieberherr schon 1969 ausgerufen hat: „Hend Vertraue met de Fraue!“


Handlungsbedarf betreffend Gleichstellung besteht in weiteren Politikbereichen:

Ein viel zu grosser Teil der Schweizer Bevölkerung ist heute von der demokratischen Mitbestimmung ausgeschlossen, obwohl diese Leute hier seit vielen Jahren leben und arbeiten. „Stüüre zahle, aber au a d’Wahle“, forderte Emilie Lieberherr für die Frauen am Marsch auf Bern zu Recht. Dasselbe gilt auch für länger niedergelassene Ausländer*innen. Sie sollen nach fünf oder spätestens nach zehn Jahren mitbestimmen dürfen, zumindest auf Gemeinde- und Kantonsebene. Für eine*n Demokrat*in ist es doch selbstverständlich: Dort, wo ich lebe, will ich mitreden und mitbestimmen können.

Schwule und Lesben dürfen nicht heiraten, Kinder aus Regenbogenfamilien sind rechtlich ungenügend geschützt – auch das sind grosse Ungerechtigkeiten, die jetzt beseitigt werden müssen.
Es ist höchste Zeit für die Ehe für alle – mit den genau gleichen Rechten und Pflichten für alle Paare. Inklusive gleichberechtigtem Zugang zur Adoption und zur Fortpflanzungsmedizin. Alles, was ein Kind braucht, sind Geborgenheit, Zuneigung und Liebe. Da spielt das Geschlecht der Eltern keine Rolle.
Auch die Anerkennung beider gleichgeschlechtlicher Elternteile ab Geburt des Kindes und die Erweiterung der Anti-Rassismusstrafnorm auf LGBTI-Menschen sind wichtige und richtige Anliegen.

 

Gleichstellung – die Schweiz ist 2019 noch nicht dort, wo sie sein könnte.
Der Einsatz für Gleichstellung wird nicht zu Ende gehen. Wir Sozialdemokrat*innen bleiben dran.

 


Mehr zum „Marsch auf Bern“:

 

Mehr zum Frauenstreik am 14. Juni 2019: