Für alle statt für wenige.


Zum nationalen Frauenstreik vom 14. Juni 2019

Von SPe, 9.Juni.2019

STANDPUNKT von Nadja Stadelmann Limacher

Violett ist eigentlich keine meiner Lieblingsfarben, sie taucht wenig in unserer Wohnung auf, schon gar nicht in meinem Kleiderschrank. Und doch hängt an unserem Haus die violette Fahne mit der starken Frauenfaust und violetten Stoff liegt auf dem Nähtisch. Daraus nähe ich mir ein Shirt für den Frauenstreiktag, Das Frauenzeichen male ich mit pinker Farbe drauf. Und ich überlege mir ernsthaft, den violetten Nagellack meiner 7-jährigen Tochter auszuleihen, wenn sie mich denn lässt.

Zwei Dinge erstaunen mich im Vorfeld des nationalen Frauenstreiktages 2019.
Erstens dass wir noch immer für die gleichen Themen streiken wie unsere Vorreiterinnen im Jahr 1991.
Nämlich

  • Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit
  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf
  • Aufwertung von unbezahlter und bezahlter Care-Arbeit
  • Anständige Renten auch für Frauen
  • Gegen stereotype Frauenbilder
  • Schutz vor Sexismus und Gewalt an Frauen

Frauenstreik am 14. Juni 2019Und dies sageundschreibe 28 Jahre später.
Zweitens, dass der Frauenstreiktag von so vielen Frauen angekreidet wird. Es fallen Sprüche von Frauen wie „was wollt ihr denn noch?“ oder das ist nur so für „emanzipierte, unzufriedene Frauen“.

Wie Matthias Zemp und ich am Frauentag vom 8. März 2019 geschrieben haben [Standpunkt vom 7. März 2019], ist in Sachen Gleichstellung von Frau und Mann in den letzten 50 Jahren einiges gegangen. Dennoch nicht genug. Ihr braucht Fakten?

  • Alle zwei Wochen stirbt in der Schweiz eine Frau durch häusliche Gewalt.
  • Noch immer verdienen Frauen bis zu 20% weniger als Männer mit gleichwertiger Ausbildung.
  • Im Ständerat sind nur 15% weiblich.
  • Jede 5. Frau hat in den letzten 12 Monaten physische oder sexualisierte Gewalt erlebt.
  • Hygieneartikel für Frauen haben einen erhöhten Mehrwertsteuersatz, unbegründet.
  • Frauen haben Ende des Jahres insgesamt 100 Milliarden Schweizer Franken weniger auf ihrem Konto, obwohl sie gleich viele Stunden arbeiten wie Männer. Unbezahlte Care-Arbeit hat grosse Auswirkungen auf die Altersrenten. Rund 20’000 Franken weniger Rente für jede Rentnerin – pro Jahr.

Gerade letzte Woche hat der Bundesrat entschieden, den Vaterschaftsurlaub (darf man einen Tag als Urlaub bezeichnen?) bei einem einzigen Tag zu lassen. Dabei steht die Schweiz europaweit auf dem letzten Platz. Der Mann muss sich dann entscheiden, ob er beim Beginn der Geburt dabei sein möchte und dann, wenn es in die Endphase geht, sich verabschiedet und zur Arbeit geht oder die Frau mal alleine am Ort des Geschehens lässt und erst dazu kommt, wenn die Presswehen einsetzen oder lieber erst frei nimmt am Tag der Rückkehr von Mutter und Kind.
Ich auf jeden Fall habe es nicht geschafft, innert diesen 24 Stunden „Vaterschaftsurlaub“ zu gebären und ich war froh um jeden Tag und jede Nacht (!) Unterstützung meines Partners während des Wochenbettes. Wie es der Name ja schon sagt, nennt sich diese Phase WOCHEN-Bett und nicht EINTAGESBETT INKL. GEBURT.

Gleichberechtigung & Vereinbarkeit von Familie und BerufLaut NZZ am Sonntag verliert noch immer jede 7. Frau ihre Stelle aufgrund ihrer Mutterschaft. Rund 15% der Frauen legen nach der Geburt gegen ihren Willen eine Erwerbspause ein. In 11% der Fälle sei der Grund eine Kündigung oder die fehlende Möglichkeit eines geringeren Arbeitspensums. Weitere vier Prozent müssen ihren Job wegen Mangel an Betreuungsplätzen aufgeben. Dies wäre noch um ein Vielfaches mehr, wenn die Grosseltern nicht tatkräftig unterstützen würden. Dies oftmals unentgeltlich und über Jahre . Der Frauenstreik zeigt auf, dass gerade in der Care-Arbeit noch immer sehr viele Ungerechtigkeiten bestehen.

Wenn ich von Polit- oder Gesellschaftsanlässen höre, bei denen ausschliesslich Männer auf dem Podium stehen und die Frauen höchstens am Rande in Form von Dienstleistung z.B. im Gastrobereich eine Rolle spielen, da weiss ich mit Bestimmtheit, dass es diesen Frauenstreik braucht.

Es wird sehr wahrscheinlich nicht noch lange „Frauenbewegungen“ heissen,
weil klar sein wird, dass es nicht reicht,
wenn Frauen sich bewegen und Männer stehen bleiben.

Ich werde streiken für mich, für meine Töchter, für meine starken Vorfahrerinnen und aus Solidarität zu allen Frauen. Und wenn ich dazu etwas VIOLETT in mein Leben streuen soll, dann tue ich dies gerne.