Gemeinsam engagiert.


Ja zur Pflegeinitiative vom 28. November 2021

Von SPe, 7.November.2021

STANDPUNKT von Trudy Stadelmann
Pflegefachfrau HF

Ich glaube, politisch und gesellschaftlich wird oft verkannt, was für ein Fachwissen die Pflege braucht und wie viel Verantwortung wir tragen. Ob Akutspital, Rehabilitationsklinik, Heim oder Spitex, das Berufsbild hat sich verändert. Ich arbeitete früher mit Ordensschwestern zusammen. Der Beruf wurde von ihnen jahrhundertelang mit viel Arbeit „als Berufung“ geprägt. Heute ist es ein Beruf von Pflegefachfrauen und Pflegefachmännern.
Tatsache ist, der Pflegenotstand ist längst Realität. Aktuell fehlen in der Schweiz über 11’000 Pflegefachpersonen. Über 40% verlassen frühzeitig den Beruf und ca. 30% vor dem 35. Altersjahr. Die Gründe sind bekannt: Viele Stellen sind unbesetzt; die Ruhezeiten können nicht eingehalten werden; die Einsatzpläne; die Arbeit hat keine familienfreundliche Strukturen usw.

Ohne ausländisches Pflegepersonal würde das Gesundheitswesen nicht funktionieren. Diese grosse Abhängigkeit ist problematisch. Die Schweiz entzieht anderen Ländern Pflegende, die sie ausbilden und für die eigene Bevölkerung benötigen. Diese Länder verbessern die Arbeitsbedingungen, damit sie im Land bleiben. Natürlich können wir den Bedarf vermehrt mit ausländischem Pflegepersonal abdecken. Seit der Pandemie wissen wir, dass Grenzschliessungen nicht mehr unwahrscheinlich sind.

Wieso reicht der Gegenvorschlag nicht?
Der Gegenvorschlag konzentriert sich auf die Ausbildung neuer Pflegefachpersonen. An der chronischen Überlastung der heute Pflegenden, an den schwierigen Arbeitsbedingungen und den frühen Ausstiegen ändert das nichts. Es fehlen Massnahmen um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Es fehlen Massnahmen um den frühen Berufsausstieg zu verhindern und es fehlen Massnahmen um die Pflegequalität zu sichern. Ausbildungen sind teuer. Es würde sprichwörtlich Geld in den Sand gesetzt.

Arbeitgeber:innen von Alters- und Pflegeheimen, Spitäler und Spitex sind gegen die Initiative, weil sie sich einen Personalschlüssel nicht leisten könnten? Der Personalschlüssel ist die Verhältniszahl von Pflegenden und Patienten. Die Pflegeinitiative macht dazu keine Vorgaben. Es hängt vom Pflegeaufwand ab.
Die Gesamtlohnsumme in Spitälern und Kliniken beträgt 17% der Betriebskosten. Es wird Mehrkosten geben, da ja 11’000 Stellen nicht besetzt sind.
Die Pflegelöhne sind sehr unterschiedlich und hängen vom Ausbildungsstand, der Pflegeerfahrung, dem Pflegebereich und der Region ab.

Die Hauptargumente der Gegner:innen sind steigende Kosten. Sie werden sowieso kommen und das hat mit der demographischen Entwicklung zu tun. Ältere werden krankheitsanfälliger und daher unterstützungsbedürftiger. Werden Patient:innen gut gepflegt und betreut, können sie das Spital früher verlassen und weil Spitex, Heime und Reha Fachpersonal stellt, werden sie nicht so schnell wieder ins Spital eingewiesen. Das spart Kosten.
Ein anderer Vorwurf der Gegner:innen: „Eine Berufsgruppe gehört nicht in die Bundesverfassung.“ Doch im Artikel 117a der Bundesverfassung steht, dass die Hausarztmedizin ein wesentlicher Bestandteil der Grundversorgung ist. Also eine Leistung, die auch von einer Berufsgruppe erbracht wird.

Ein „Ja“ zur Pflege:
Ein Ja nützt allen Pflegenden, weil mehr Leute ausgebildet werden und länger im Beruf bleiben.
Ein Ja macht allen Quereinsteiger:innen den Wechsel in den Pflegeberuf einfacher, weil die Ausbildungslöhne erhöht werden.
Ein Ja bedeutet, dass es genügend Pflegende auf den Schichten gibt und dadurch die Pflegequalität gesichert werden kann.
Ein Ja nützt allen Menschen, die heute oder morgen auf Pflege angewiesen sind.
Die Volksinitiative ist die Möglichkeit, die Pflege in Zukunft sicher zu stellen.